Zum ersten Mal: Buchsaitens Blogparade zum Jahresabschluss

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat?
Claude Lanzmann, Der patagonische Hase
Die Autobiographie von Claude Lanzmann hatte ich mir eines Abends in der Unibuchhandlung eher zufällig und ohne viele Vorabinformationen gekauft. Ich habe es anschließend innerhalb weniger Tage durchgelesen und es hat mich wirklich schier umgehauen. Ich wusste vorher weder etwas über Claude Lanzmann, noch über seinen Film “Shoah”, aber mit seiner Autobiographie ist Claude Lanzmann ein unfassbar intensives, reiches und vielschichtiges Werk gelungen. “Der patagonische Hase” ist ein fantastisches, ein glühendes, sprühendes Buch, das von einem ausgefüllten Leben zeugt und mich in seinen Bann gezogen hat.
Hans Keilson, Da steht mein Haus
Über Hans Keilson hatte ich zuvor nur einen Bericht im Literaturmagazin der ZEIT gelesen, viel versprochen hatte ich mir von dem schmalen Büchlein aber nicht. Hans Keilson wurde 1909 in Bad Freienwalde geboren. Als Sohn jüdischer Eltern. In immer zunehmender Geschwindigkeit erlebt er das Ausbreiten des Nationalsozialismus in seiner Heimatstadt. Bis er zur Flucht nach Holland gezwungen ist. Auf nur 109 Seiten nimmt Keilson den Leser mit in diese beängstigende Zeit. Er liefert beeindruckende Bilder seiner Kindheit. Seines Aufwachsens. All diese Erinnerungen bleiben an vielen Stellen skizzenhaft, kurz angerissen. Doch mit den wenigen Worten und Bildern gelingt es Keilson vieles darüber hinaus noch auszudrücken. Ein faszinierendes Buch, dem ich viele Leser wünsche.
Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?
Nicole Krauss, Das große Haus
Bis auf ganz wenige Abschnitte, war dieses Buch eine einzige Enttäuschung für mich. Die Kapitel werden aus der Ich-Erzähler-Perspektive erzählt; bis auf wenige Ausnahme ist zwischen mir als Leser und den Figuren aber keine Nähe entstanden. Durch die Perspektivwechsel und die vielen Handlungsstränge, die alle verbindungslos nebeneinander platziert werden, wurde ich vor allem verwirrt. Verwirrung ist ein Wort, dass den Zustand, den ich beim Erreichen des Endes gefühlt habe, wohl am besten beschreibt. ”Das große Haus” ist für mich eine große Enttäuschung gewesen, das einzige Positive an dem Buch waren für mich die Sprache und einzelne bewegende Abschnitte. Im Endeffekt ist Nicole Krauss aber meiner Meinung nach weit davon entfernt, mit diesem Buch an alte Erfolge anzuknüpfen. Leider.
Dave Eggers, Zeitoun
Da ich erst wenige Monate vor “Zeitoun” “Weit gegangen” gelesen hatte, war ich von Dave Eggers neuem Buch doch sehr negativ überrascht. Langweilig, nüchtern, distanziert. Kein einziger Funke ist bei mir in irgendeiner Weise übergesprungen. Wer die etwas langatmig erzählten Passagen bis zur eigentlichen Katastrophe durchhält, kann einen Einblick in wirklich erschreckende Verhältnisse in New Orleans gewinnen. Ich kann aber auch jeden verstehen, der es nicht so weit schafft. Begeistert hat mich Zeitouns Liebe zu Hunden und die schöne Umschlagsgestaltung. Ansonsten hätte ich auf dieses Leseerlebnis auch verzichten können.
Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?
Jean-Michel Guenassia
“Der Club der unverbesserlichen Optimisten” ist ein grandioser Roman. Guenassia zeichnet intensive, detaillierte und an vielen Stellen auch überraschende Figuren und porträtiert die Stadt Paris auf eine wundervolle und detaillierte Art und Weise. Ihm ist ein trauriges, aber doch irgendwie auch optimistisches Buch gelungen und ich hoffe sehr darauf, noch mehr von ihm lesen zu können.
Außerdem: Hans Keilson, Klaus Modick und Peggy Mädler
Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?
Jaume Cabré, Das Schweigen des Sammlers
Das Cover, was mir am besten gefallen hat, war das meines zuletzt gelesenen Romans “Das Schweigen des Sammlers”. Ich kann gar nicht genau beschreiben warum, aber ich fühle mich so sehr wie der kleine Junge, der auf Zehenspitzen vor dem Bücherregal, seinem Universum, steht und ein Buch herausnimmt. Wenn ich dieses Cover anschaue, werde ich automatisch in andere Welten versetzt …
Welches Buch wollt ihr unbedingt in 2012 lesen und warum?
“Lieben” von Karl-Ove Knausgard, da mir schon der Auftakt “Sterben” so sehr gefallen hat. Ich bin mir nicht sicher, wie ich die Wartezeit bis zum März noch aushalten soll …





Ich würde ja gerne auf Deine Frage antworten welches Buch ich 2012 unbedingt lesen möchte, aber das sind Bücherstapel, die schon jetzt auf meinem schönen grünen Büchertisch liegen und das würde dann den Rahmen eines Kommentars sprengen. Aber z.Zt. lese ich Wallenstein von Döblin und ich werde mich weiterlesen durch seine Werke, glaube ich, weil er in jedem Buch nicht nur eine neue Welt eröffnet, sondern das auch noch mit einem völlig neuen Stil tut. Und weil jedes seiner Bücher immer noch sehr viel zu sagen hat. Alles Gute und viel Lesefreude weiterhin und gute Bücher im Neuen Jahr wünsche ich Dir.
Liebe muetzenfalterin,
ich freue mich sehr über deinen interessanten Kommentar. Mit “Lieben” von Karl-Ove Knausgard habe ich mich natürlich auch sehr beschränkt, da auch meine Antwort auf diese Frage den Rahmen sprengen würde. Zu viele Bücher warten darauf gelesen werden.
Deinen Hinweis auf Döblin finde ich sehr interessant. Bisher habe ich noch nichts von ihm gelesen, mir den “Wallenstein” aber gleich notiert. Kannst du mir einen Roman für den Einstieg bei Döblin besonders ans Herz legen?
Wallenstein ist der zweite Roman, den ich von Döblin lese
, ich bin also alles andere als eine Spezialistin, aber ich habe “Berlin Alexanderplatz” seinen Bestseller mehrmals gelesen und irgendwann hat mich der gewaltige Rest interessiert, den dieser sehr große Schriftsteller geschrieben hat.
Ich wiederum freue mich übrigens über Dein Interesse an meinem Kommentar
Was für eine Überraschung! Ich kenne zwar ein paar der von dir genannten Autoren, aber kein einziges der genannten Bücher. Das macht mich natürlich neugierig und es freut mich auch, denn so kann ich hier viele neue Autoren und Bücher entdecken, die ich sonst nie entdeckt hätte. Dankeschön!
Ich freue mich, dass ich mit meinem kleinen Jahresückblick bei dir Interesse wecken konnte und würde mich sehr freuen zu hören, ob du das ein oder andere der genannten Bücher, vielleicht irgendwann selbst in die Hand nimmst und wie diese dir dann gefallen. Ich hatte mich darum bemüht auch etwas unbekanntere Bücher hier zu nennen, den ich einfach noch mehr Leser wünschen würde!
Oh, wie gut – du hast Hans Keilson (hatte wahrscheinlich genau den gleichen Zeitartikel in der Hand: http://glasperlenspiel13.blogspot.com/search/label/Hans%20Keilson
in deinem Repertoire. Hast Du ausser “Da steht mein Haus” noch etwas anderes von ihm gelesen??
Liebes Glasperlenspiel,
ja, da haben wir wohl genau den selben Zeitungsartikel gelesen. Auf den Zeitungsartikel hin habe ich mir “Da steht mein Haus” gekauft, das mich wie erwähnt unheimlich positiv überrascht hat. Im Anschluss habe ich den Roman “Das Leben geht weiter” gelesen, der viele biographischen Episoden aus Keilsons Leben aufgreift und ein wirklich sehr gelungener Roman ist. Hier auf meinem Blog habe ich auch noch einen Essayband von ihm vorgestellt, der mich auch sehr tief beeindruckt hat.
Ich kann dir Hans Keilson wirklich nur empfehlen!