Eine Kauf- und Leseempfehlung!

Im heutigen Magazin der Süddeutschen Zeitung gibt es ein lesenswertes Interview mit dem Verleger und Schriftsteller Michael Krüger. Der Chef vom Hanser Verlag verabschiedet sich am Ende des Jahres in Rente und blickt im Gespräch mit Thomas Barnthaler und Gabriela Herpell zurück auf die besten Kapitel seines Lebens.
Michaek Krüger spricht über die vierzehn Nobelpreisträger, die er verlegt hat, über Begegnungen mit Autoren und deren zum Teil skurrilen Eigenarten und darüber, warum er früher ab und gerne einen Kopfstand gemacht hat.

In diesem lesenswerten Interview wird deutlich, dass Michael Krüger nicht nur ein großartiger Verleger mit einer Spürnase für Nobelpreisträger ist, sondern dass er vor allem ein Liebhaber der Literatur ist. An Literatur begeistert ihn:
“Dass man mit 26 Buchstaben alles ausdrücken kann, was vorstellbar ist. Milliarden Bücher füllen. Kein anderes Spiel kann das.”
Für den begeisterten Leser und Verleger ist die Literatur wie eine Droge. Ein Leben lang hat er Kafkas Tagebücher gelesen, die ihm auch jetzt immer noch weiterhelfen, wenn er nicht mehr “ein noch aus” weiß. Der Nachfolger von Michael Krüger, der mittlerweile bereits 69 Jahre alt ist, wird Jo Lendle – noch 44 Jahre jung. Wir dürfen gespannt sein, was von ihm im nächsten Jahr zu erwarten sein wird.
Brüder und Schwestern – Birk Meinhardt
Birk Meinhardt wurde 1959 in Berlin geboren und arbeitete als Sportjournalist und Reporter. Er wurde bereits zwei mal mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. 2007 erschien sein letzter Roman, “Im Schatten der Diva”. “Brüder und Schwestern” ist sein neuester Roman; veröffentlicht im Hanser Literaturverlag.
Spätestens seit dem Erscheinen von Uwe Tellkamps “Der Turm” sind Familiengeschichten, die in der DDR spielen, ein beliebtes literarisches Motiv. Birk Meinhardt legt mit “Brüder und Schwestern” einen ähnlich umfangreichen Familienroman vor, wie Uwe Tellkamp vor mehr als fünf Jahren.
Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Werchow, deren Familiengeschichte auf beinahe 700 Seiten erzählt wird. Birk Meinhardt konzentriert sich dabei auf eine Zeitspanne zwischen 1973 und 1989. Willy Werchow ist Drucker in der großen Druckerei “Aufbruch” – von seinen Angestellten wird er respektiert, jedoch nicht geliebt.
“Doch anscheinend sah das nicht jeder seiner Arbeiter, anscheinend dachte mancher, der da in dieser Position, das könnte ja wohl nur ein gehöriges Arschloch sein.”
Um erfolgreich bleiben zu können, ist Willy mehr und mehr dazu gezwungen, Kompromisse einzugehen. Er laviert sich durch sein Leben, immer in dem Bemühen Auseinandersetzungen und Konflikte zu vermeiden. Nur zu Hause fordert er von seinen Kindern ein genau gegenteiliges Verhalten ein: Ehrlichkeit als oberste Tugend. Doch für Willy ist Ehrlichkeit immer mit der jeweiligen Situation abzuwägen. Willys Leben ist nicht so eintönig, wie es auf den ersten Blick erscheint, denn er trägt ein Geheimnis mit sich herum. Ein Geheimnis, das eine solche Kraft hat, das es das gemeinsame Leben mit seiner Frau Ruth jeden Moment zerstören könnte.
Ruth und Willy haben drei Kinder: Matti, Erik und Britta. Die drei Kinder könnten unterschiedlicher nicht sein und spiegeln in ihren Biographien die unterschiedlichen Umgangsweisen mit dem Leben in der DDR wider. Britta und ihr Freund Jonas werden von der Schule relegiert, als Britta ein verbotenes Gedicht von Wolf Biermann an der Wandzeitung aufhängt.
“Ja was wird aus unseren Träumen
in diesem zerrissenen Land?
Die Wunden wolln nicht zugehn
unter dem Dreckverband.
Und was wird aus unseren Freunden,
und was noch aus Dir, aus mir?
Ich möchte am liebsten weg sein
und bleibe am liebsten hier.”
Die Möglichkeit sich am nächsten Morgen in der Schulaula für den Aushang zu entschuldigen, schlägt Britta aus. Sie verzichtet für ihre Ideale auf einen Schulabschluss und auf ein mögliches Studium und schließt sich stattdessen einem Zirkus an.
Erik entscheidet sich früh dazu, in den Bereich des Außenhandels zu gehen und nimmt dafür auch eine Dienstzeit bei der NVA in Kauf, durch die er sich jedoch schneller als gedacht lavieren kann. Um sein Studium unbehelligt fortsetzen zu können, distanziert sich Erik “entschieden und zutiefst” von dem Verhalten seiner Schwester. Eine Entscheidung, mit der er seine eigene Zukunft sichert, doch seine Familie fühlt sich von ihm verraten.
“Matti hatte mit jeder Silbe recht! Man tat so etwas nicht! Nie hätte Erik das tun dürfen! Und doch traf ihn keine Schuld, denn letztlich war er, Willy selber, es gewesen, der ihn in langen Jahren dazu gebracht hatte, so zu handeln. Letztlich hatte er ihn gelehrt, wie man Kompromisse schloß. Geradezu vorgelebt hatte er es ihm doch. Willy begriff jetzt, daß Erik als einziges seiner Kinder ihm gefolgt war aufs Feld des Abzirkelns und Erwägens – und jetzt, da er es begriff, schoß plötzlich Ablehnung und sogar Verachtung in ihm auf.”
Vor allem sein jüngerer Bruder Matti, dessen Ernsthaftigkeit häufig an Halsstarrigkeit und Idealismus erinnert, ist fassungslos. Matti, der sich dazu entscheidet Kahnführer zu werden, glaubt, dass er selbst nie dazu bereit wäre, sich zu verbiegen und seine Ideale zu verraten. Für Matti ist Erik “gestorben”. Alles, woran Matti geglaubt hat, wird später jedoch erneut schwer erschüttert, als sich seine erste große Liebe Hals über Kopf dazu entscheidet, die DDR zu verlassen.
“[...] der Zusammenhalt der Geschwister, der allen in der Familie immer wie eine Selbstverständlichkeit erschienen war und über den niemand von ihnen je nachgedacht hatte, war auf einmal dahin. Würde er sich wiederherstellen lassen, irgendwann?”
An den Biographien der drei Geschwister zeigt Birk Meinhardt literarisch wunderbar ausgefeilt den unterschiedlichen Umgang von Menschen mit dem Leben in einer Diktatur auf. Passt man sich an? Ist man bereit, Kompromisse einzugehen? Wie weit lässt man sich verbiegen? Oder begehrt man auf? Probt man den Widerstand? Tut man dies offen oder nur im Kreise der Familie? Für was für ein Leben entscheiden sich die Menschen? Britta, Matti und Erik sind Geschwister, sie sind miteinander verwandt, aber entscheiden sich dazu, ganz unterschiedliche Wege zu gehen. ”Brüder und Schwestern” endet einem Paukenschlag gleich mit einem Todesfall und der Ankündigung “wird fortgesetzt” - man darf also gespannt sein, wie die Geschichte von Britta, Matti und Erik weitergehen wird.
Den unterschiedlichen Lebensverläufen der Geschwister zu folgen habe ich als unheimlich spannend empfunden. Die Schilderungen sind eindrücklich, aber auch immer wieder amüsant. Neben Britta, Matti und Erik lässt Birk Meinhardt auf knapp 700 Seiten eine Reihe weiterer Figuren auftreten. Leider gelingt es ihm nicht über den ganzen Roman hinweg, alle Fäden sicher in der Hand zu behalten. Stellenweise hätte “Brüder und Schwestern” eine Straffung und Kürzung gut getan. Dennoch halte ich den Roman, der in einem kraftvollen Ton gehalten ist, für lesenswert.
Der amerikanische Architekt – Amy Waldman
Die 1969 geborene Schriftstellerin Amy Waldman leitete das Südasien-Büro der New York Times und arbeitete als Korrespondentin für The Atlantic. Übersetzt wurde “Der amerikanische Architekt” von Brigitte Walitzek, die seit 1986 als Übersetzerin tätig ist.
Als Journalistin hat Amy Waldman die unmittelbaren Nachwehen von 9/11 dokumentiert, sie hat Opfer und Angehörige interviewt und sechs Wochen lang in der Stadt gelebt, die vom Terror erschüttert wurde. Anschließend reiste sie nach Russland, Afghanistan und in den Iran, um die Reaktionen auf die Anschläge im Ausland einzufangen. All das fließt auch in ihr Romandebüt “Der amerikanische Architekt” ein. Auch wenn der Begriff 9/11 in diesem Roman gar nicht direkt genannt wird, bilden die Anschläge auf das World Trade Center doch das Zentrum der Erzählung.
Die Handlung des Romans spielt im Jahr 2003: eine dreizehnköpfige Jury berät über den besten Entwurf einer Gedenkstätte für die Opfer des 11. Septembers. Die Jury setzt sich aus Experten und Kunstkennern zusammen, das einzige Mitglied, das dabei herausfällt, ist Claire Burwell. Claire hat bei den Anschlägen ihren Mann verloren und vertritt in der Jury die Perspektive der Angehörigen. In das Finale haben es zwei Entwürfe geschafft – die Verhandlungen zwischen den Jurymitgliedern um den Sieger gestalten sich zäh und schwierig.
“[...] die Gedenkstätte ist kein Friedhof, sondern ein nationales Symbol, eine historische Mahnung, ein Versuch, jeden Besucher – egal welche zeitliche oder örtliche Distanz zwischen ihm und dem Geschehen liegt – nachempfinden zu lassen, wie es sich anfühlte, was es konkret bedeutete.”
Es ist vor allem Claire, die sich leidenschaftlich für einen der beiden Entwürfe, den eines Gartens, einsetzt und mit dieser Leidenschaft einen Großteil der anderen Jurymitglieder anstecken und überzeugen kann.
“Die Namen der Opfer sollten auf den Innenflächen der weißen, neun Meter hohen Umfassungsmauer aufgelistet werden, so angeordnet, dass das Textfeld den Umriss der zerstörten Gebäude ergab. Die stählernen Bäume riefen die Türme noch buchstäblicher in Erinnerung: Sie würden aus den gefundenen Metallüberresten hergestellt werden.”
Als die Identität des Gewinners – das Auswahlverfahren wurde anonym durchgeführt – gelüftet wird, ist das Entsetzen groß: der Architekt trägt den Namen Mohammad Khan. Er ist ein Muslim und damit der erklärte Feind der amerikanischen Bevölkerung. Darf man einem Muslim die Möglichkeit geben, eine Gedenkstätte zu bauen, die für die amerikanische Bevölkerung eine so hohe symbolische Bedeutung hat? Darf man ihm diese Möglichkeit wieder nehmen, nachdem er rechtmäßig zum Sieger gekürt wurde? Darf man in einer Gesellschaft über diese Themen überhaupt sprechen? Was ist die moralisch richtige Reaktion in einer solchen Situation?
Amy Waldman beleuchtet diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven: der Leser begleitet die wohlsituierte Witwe Claire Burwell, die um ihren Mann trauert und Mohammad Khan, dessen ganzes Leben in Aufruhr gerät, nachdem er als Gewinner enthüllt wird. Paul, den Vorsitzenden der Jury, der in die Verlegenheit kommt, eine Entscheidung treffen zu müssen. Den weißen Mittelschichtler Sean, der seinen Bruder bei den Anschlägen verloren hat und für den der Streit um die Gedenkstätte zu seinem einzigen Lebensinhalt wird. Er ist nicht der einzige, der aufgrund einer fehlenden Aufgabe im Leben, zur Eskalation der Situation beiträgt. Zur tragischen Figur wird Asma Anwar, die sich mit ihrem Mann, der bei den Anschlägen ums Leben kam, illegal in Amerika aufgehalten hat: “Wie konnte man tot sein, wenn man gar nicht existierte?” All diese Perspektiven werden von Amy Waldman im Roman an unterschiedlichen Punkten zusammengeführt und verbunden, dabei bleibt nicht aus, dass diese Zusammenführungen stellenweise konstruiert erscheinen.
Trotz des allgegenwärtigen Lobes für das Romandebüt von Amy Waldman, habe ich die Lektüre als schwierig empfunden. Es dreht sich alles um Mohammad Khan, den eigentlichen Gewinner der Ausschreibung, der jedoch nicht gewinnen darf, da er zur feindlichen Religion gehört. Über die Tatsache, dass Mohammad, der am liebsten Mo genannt wird, in Amerika geboren wurde und kein praktizierender Muslim ist, wird dabei geflissentlich hinweg gesehen. Die Perspektiven, aus denen die zentrale Frage des Romans betrachtet wird, wirken stellenweise überzeichnet. Beinahe entsteht der Eindruck, als würde Amy Waldman stereotype Gruppierungen ihres Landes karikieren und ins Lächerliche ziehen wollen. Gruppierung von Menschen, die sich versammeln, um gegen den Islam zu protestieren, weil sie keinen anderen Lebensinhalt haben und auf der Suche nach Bestätigung und Anerkennung sind. Gruppierungen von Menschen, die muslimischen Frauen das Kopftuch runterreißen und damit eine nationale Bewegung auslösen.
Trotz der symbolträchtigen Thematik des Romans, ist die Sprache von Amy Waldman größtenteils kühl und steril. Verständnis und Einfühlungsvermögen für ihre Figuren blitzen bei der Autorin nur stellenweise auf. Am stärksten erreicht hat mich die Figur, die die Perspektive der Angehörigen vertritt: Claire Burwell verliert sehr früh im Leben ihren Mann und bleibt alleine mit der Aufgabe zurück, ihren zwei Kindern erklären zu müssen, was mit ihrem Vater passiert ist.
“Fetzen, Partikel von Cal, lagen aller Wahrscheinlichkeit noch immer noch in der Erde, auf der die Gedenkstätte entstehen würde.”
Trotz der angesprochenen Kritikpunkte gelingt es der Autorin dennoch, eine Reihe wichtiger Fragen aufzuwerfen. Im Zentrum dieser Fragen steht Asma Anwar aus Bangladesch, die die Menschen repräsentiert, die sich zum Zeitpunkt der Anschläge illegal in Amerika aufgehalten haben. Diese Menschen trauern nicht nur um Angehörige, die sie verloren haben, sondern haben gleichzeitig auch das Gefühl in diesem Land, in dem sie nicht mal auf dem Papier existiert haben, nun mehr unwillkommen unerwünscht zu sein.
“Der amerikanische Architekt” ist eine unterhaltsame Satire, die andeutungsweise den Riss aufzeigt, den das Land seit den Anschlägen des 11. Septembers durchzieht. Leider ist das Buch jedoch keines, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt, da die Autorin dazu zu sehr in Stereotypen verharrt und an der Oberfläche bleibt. In der literarischen Auseinandersetzung mit dem 11. September gibt es deutlich gelungenere Werke, um mit Don deLillo und Jonathan Safran Foer nur zwei Autoren zu nennen, die sich mit dieser Thematik beschäftigt haben.
Die Autoren fürs Wettlesen stehen fest!
Seit 1977 wird im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen. Er gilt als einer der wichtigsten und sicherlich auch interessanten Literaturpreise Deutschlands – das Wettlesen wird live im Fernsehen übertragen. Olga Martynowa hat im vergangenen Jahr mit dem Ausschnitt Ich werde sagen: ‚Hi!‘ gewonnen.
In diesem Jahr werden folgende Autoren und Autorinnen lesen:
- Larissa Boehning
- Hannah Dübgen
- Roman Ehrlich
- Verena Günther
- Heinz Helle
- Nadine Kegele
- Benjamin Maack
- Nikola Anne Mehlhorn
- Joachim Meyerhoff
- Anousch Mueller
- Katja Petrowskaja
- Zé do Rock
- Philipp Schönthaler
- Cordula Simon
Die Jury setzt sich aus folgenden Personen zusammen: Burkhard Spinnen, Meike Feßmann, Paul Jandl, Hildegard Elisabeth Keller, Juri Steiner, Daniela Strigl, Hubert Winkels.
Der Wettbewerb findet dieses Jahr vom 3. bis zum 7. Juli statt und ich bin schon sehr gespannt! Ich freue mich vor allem auf Joachim Meyerhoff, Philipp Schönthaler und Hannah Dübgen. Habt ihr bereits Favoriten?
Der 1971 geborene Florian Werner ist promovierter Literaturwissenschaftler und lebt als Autor, Journalist und Übersetzer in Berlin. Zuletzt erschien von ihm “Dunkle Materie: Die Geschichte der Scheiße”. Seine aktuelle Veröffentlichung “Schüchtern” erschien im vergangenen Jahr bei Nagel & Kimche.
In der heutigen Arbeitswelt sind immer häufiger offensive Verhaltensweisen gefragt: Eigenwerbung, Selbstdarstellung und das Talent sich gut verkaufen zu können. Schüchternheit ist da fehl am Platz und doch leiden immer mehr Menschen unter genau dieser Eigenschaft. In seinem Buch “Schüchtern”, das den Untertitel “Bekenntnis zu einer unterschätzten Eigenschaft” trägt, wagt Florian Werner den Versuch eines Exkurses zur Schüchternheit.
In acht Kapiteln widmet sich der Autor allen möglichen Facetten der Schüchternheit, wobei für mich die Grenzen zwischen Schüchternheit und einem Verhalten, das auch andere psychische Ursachen haben kann, über das Buch hinweg etwas schwammig blieben. Ergänzt wird die Lektüre durch eine umfangreiche Literaturliste, die Schüchterne dazu einlädt, sich weiter mit diesem Thema beschäftigen zu können.
Zu Beginn meiner Rezension möchte ich gestehen, dass die Auswahl dieses Buches nicht zufällig geschah. Auch wenn ich glaube, dass ich die schlimmste Phase meiner Schüchternheit bereits überwunden habe, treiben einfache Telefonate mir doch immer wieder Schweißperlen auf die Stirn. Dies sorgt bereits auf der ersten Seite des Buches, das insgesamt gerade einmal 170 Seiten schmal ist, für einen Wiedererkennungseffekt:
“Selbst die harmlosesten Gespräche – mit meinem Steuerberater, mit der Hausverwaltung, einem Handwerker – stellen eine schier unüberwindliche Herausforderung dar. Natürlich schiebe ich solche Telefonate so lange wie möglich hinaus, wodurch die emotionale Last, die auf dem Gespräch liegt, immer größer wird.”
Bereits am Anfang bringt Florian Werner seine Schwierigkeiten mit denen er im Alltag zu kämpfen hat, auf einen einfach Satz: “Ich bin ganz einfach schüchtern.”
“Ja, ich bin schüchtern, und es liegt in der Natur der Sache, dass mich selbst ein solch unspektakuläres Bekenntnis einige Überwindung kostet. Mit einem mir unbekannten Menschen ein längeres Gespräch zu führen, womöglich mit Blickkontakt, womöglich ohne Alkoholeinfluss, fällt mir unsagbar schwer.”
Die Schüchternheit führt bei Florian Werner sogar so weit, dass seine hochschwangere Frau vor der Geburt der Tochter selbst den Krankenwagen rufen musste, weil es ihm “unhöflich schien, die Rettungsstelle mit diesem Problem zu belästigen.”
Florian Werner, der von seinen Freunden den Spitznamen “Schildkröte” verpasst bekommen hat, nähert sich dem Begriff und dem Phänomen der Schüchternheit in seinem Buch aus unterschiedlichen Perspektiven: zum einen beschäftigt er sich mit der semantischen Ebene des Begriffs und dessen Wortherkunft, zum anderen zeigt er aber auch die geschichtliche Entwicklung des Begriffs auf. Er widmet sich auch der Genderfrage – ist Schüchternheit etwas, das vielleicht viel eher bei Mädchen akzeptiert wird, als bei Jungen? Einen großen Raum in “Schüchtern” nimmt auch die Frage ein, ob Schüchternheit genetisch bedingt ist oder durch “Erfahrungen, Erziehung, Kultur” bedingt wird. Florian Werner hat einen Zwillingsbruder, der alles andere als schüchtern ist.
“Während das 1907 erschienene Buch Schüchternheit, nervöse Angst= u. Furchtzustände sowie andere seelische Leiden und ihre dauerende Heilung noch vor allem individualpsychologische Gründe sowie Fehler in der Erziehung und Lebensführung für die Entstehung der Schüchternheit verantwortlich macht, wagt Die erfolgreiche Bekämpfung der Schüchternheit aus dem Jahr 1911 bereits eine gesamtgesellschaftliche Analyse.”
Das Buch kommt zu der Erkenntnis, dass die heutige Gesellschaft ruhig ein bisschen Mut zur Schüchternheit zeigen sollte: “Keine falsche Scham. Seien wir ruhig ein bisschen schüchtern.” Der Weg bis zur vollständigen Akzeptanz dieser häufig unterschätzten Eigenschaft ist wahrscheinlich noch weit, doch dieses Buch könnte ein erster Schritt sein. Denn was bedeutet Schüchternheit schließlich anderes als Bescheidenheit, Mitleid oder Feingefühl? Und das sind doch Eigenschaften, die man in unserer heutigen Gesellschaft gut gebrauchen kann.
Florian Werner ist mit “Schüchtern” eine lesenswerte Mischung aus Sachbuch und Erfahrungsbericht gelungen. Obwohl er viele seiner Ausführungen mit Fachbegriffen anreichert bleibt der Text doch auch für Laien lesbar und verständlich. Neben all dem fachlichen Ernst kommt aber auch der Humor nicht zu kurz, der das Buch zu einem amüsanten Leseerlebnis macht. “Schüchtern” ist ein kluges, amüsantes und wissenschaftliches Buch, das mir nicht nur ein spannendes Thema näher gebracht hat, sondern mich dabei auch noch unterhalten konnte.
Tobias Wenzel wurde 1974 geboren und lebt und arbeitet seit 2001 in Berlin. Er ist freier Journalist und Literaturkritiker für öffentlich-rechtliche Radiowellen. Die ein Jahr ältere Carolin Seeliger hat Diplom-Sozialarbeit und Fotodesign studiert. Sie lebt als freie Fotografin in Berlin.
Der großformatige und wunderschön gestaltete Bildband “77 Schriftsteller im Selbstgespräch” aus dem Benteli Verlag, trägt den Untertitel “Was ich mich immer schon fragen wollte”. Die Ausgangsidee für die Zusammenarbeit von Tobias Wenzel und Carolin Seeliger ist schlicht und dennoch genial. Sie stellen den Schriftstellern und Schriftstellerinnen nur eine einzige Frage: “Wenn du dir eine einzige Frage stellen müsstest, [...] wie würde diese lauten?” Die Idee kam dem Journalisten Tobias Wenzel Ende 2005, als er zum ersten Mal damit begann, seinen Interviewpartnern zum Abschluss diese ganz besondere Frage zu stellen. Das Selbstgespräch sollte in der eigenen Muttersprache und vor dem Mikrofon erfolgen – die einzige, die sich für das Gespräch mit sich selbst zurück zog, war die Schriftstellerin Juli Zeh.

Das besondere dieses Gemeinschaftsprojekts ist jedoch nicht nur die ungewöhnliche Frage, sondern es sind vor allem auch die Fotografien von Carolin Seeliger. In den schwarz-weißen Porträtaufnahmen fokussiert die Fotografin auf die Augen und lässt andere Gesichtspartien verschwimmen.
“Herr Enzensberger, warum sind Sie nicht unglücklich? Die Zeit, die mir bleibt, ist mir dafür zu schade.“
Die Verhandlungen mit den Schriftstellern war nicht immer ganz einfach, nicht nur die Frage stellte viele von ihnen vor Probleme, auch der intime Momente des Fotografierens machte vielen Angst. Paul Auster konnte erst nach mehrmaligen Treffen zu einer Teilnahme überredet werden, für das Foto wollte er – trotz Vermittlungsversuchen seiner Frau Siri Hustvedt – die Sonnenbrille jedoch nicht abnehmen.
“Siri Hustvedt, warum schreibst du? Ich schreibe, weil ich beim Schreiben mehr als in jedem anderen Augenblick das Gefühl habe zu leben.“

Die Art und Weise, wie die 77 Schriftsteller und Schriftstellerinnen das eigene Selbstgespräch führen, ist ganz unterschiedlich und vielfältig und schon allein diese verschiedenen Herangehensweisen macht einen Großteil der Spannung dieses Projektes aus. Die Antworten fallen stellenweise kurz und einsilbig aus, andere drohen den Rahmen von einer Seite zu sprengen. Einige führen ein unterhaltsames Selbstgespräch, andere ein ernsthaftes – es gibt berührende und traurige Antworten. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Definition des Begriffs böse von Richard Powers und die Erinnerungen von Aharon Appelfeld an seine ermordete Mutter:
“Aharon Appelfeld, wo ist deine Mutter? Was macht sie jetzt? Ich habe keine Antwort. Ich staune nur und frage mich, wo sie ist. Meine Mutter wurde von den Deutschen ermordet, als sie dreißig Jahre alt war. Jetzt bin ich 75 Jahre alt, schon 45 Jahre älter als meine Mutter. Und immer noch, als nicht mehr junger Mann, frage ich mich: Wo ist meine Mutter? Manchmal habe ich ein Bild von ihr: jung, schön, am Fenster stehend. Oder sie sitzt bei mir und liest mir ein Gedicht vor, bevor ich schlafen gehe. Oder wir gehen in der Gasse spazieren und sie kauft mir etwas Schönes. Oder wir sind im Wald, entzückt von den Bäumen und dem Geruch. Manchmal habe ich ein Gefühl: Wir waren immer zusammen und wir sind auch jetzt zusammen.”
Zu den Interviewten gehören bekannte Schriftsteller und Schriftstellerinnen, aber auch unbekanntere, Namen und Gesichter, die mir bisher noch nicht begegnet sind, deren Worte oder deren Bild mich aber neugierig machen, mich dazu bringen, zu recherchieren, neue Bücher für mich zu entdecken. “77 Schriftsteller im Selbstgespräch” ist in jeder Hinsicht eine literarische Entdeckungsreise, die ich auch jetzt noch nicht abgeschlossen habe. Immer noch nehme ich das Buch gerne zur Hand, blättere darin herum und mache neue Entdeckungen.
Die Methode Wenzel/Seeliger ist schlicht und einfach und dennoch verbinden der Journalist und die Fotografin auf eine ganz eigene, sehr berührende und selten zuvor gesehene Weise Wort und Bild miteinander. Gelungen ist ihnen ein Wort- und Bildband, der berührt, unterhält und neugierig macht – schlicht ein bewegendes Lese- und Seherlebnis. “77 Schriftsteller im Selbstgespräch” ist eine ganz besondere literarische Schatzkiste.
Linktipp: Im Deutschland Radio kann man sich eine Auswahl der Antworten von den befragten Schriftsteller anhören.
Über Meereshöhe – Francesca Melandri
Francesca Melandri wurde in Rom geboren und ist Autorin von Drehbüchern für Fernseh- und Kinofilme. Mit “Eva schläft” erschien vor einigen Jahren ihr Romandebüt, mit dem sie sowohl in Italien als auch in Deutschland erfolgreich war. Ihr neues Buch, das im italienischen Original “Più alto dell mare” heißt, wurde von der italienischen Kritik gefeiert.
In ihrem Roman “Über Meereshöhe” führt Francesca Melandri zwei ganz unterschiedliche Charaktere an einem ganz besonderen Ort zusammen: “Es roch nach Salz, nach Feigen und Strohblumen” - die Welt, die Francesca Melandri mit diesen Wort beschreibt, ist die Welt eines Hochsicherheitsgefängnis, das sich auf einer Insel befindet. Luisa ist eine Bäuerin aus der Toskana, die dort ihren Mann besucht, der schon immer zu Gewalttaten neigte. Ihre fünf gemeinsamen Kinder bleiben alleine zu Hause zurück, wenn Luisa sich auf ihre mehrtägige Reise begibt. Während ihres Gefängnisbesuchs trifft Luisa auf Paolo, einen frühzeitig pensionierten Lehrer. Er hat gleich zwei Menschen verloren: sein Sohn verbüßt als Terrorist eine Haftstrafe – seine Frau ist kurz darauf gestorben. An Kummer, glaubt Paolo. Paolo versucht immer noch zu verstehen, wie all das passieren konnte. Er versucht dies seit drei Jahren, sechs Monaten und ein paar Tagen.
“Denn will man jemanden wirklich absondern vom Rest der Welt, gibt es keine Mauer, die höher wäre als die See.”
Begleitet wird die Begegnung von Pierfrancesco Nitto, der als Strafvollzugsbeamter auf der Insel arbeitet – die Insel ist sein Zuhause. Es ist das Meer, das schier unüberwindbar das Gefängnis vom Rest der Welt trennt. Die Meerenge, über die das Gefängnis zu erreichen ist, ist schmal und gefährlich. Die Mauern des Gefängnisses sind hoch und stabil, doch nicht nur für die Gefangenen. Auch Luisa und Paolo haben Mauern um sich erreichtet: Mauern des Schweigens und Mauern der Scham. Wer möchte schon darüber sprechen, dass sein Sohn zu einem Mörder geworden ist? Wer möchte davon erzählen, dass der eigene Mann eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt. Doch auch für Pierfrancesco Nitti scheinen die Gefängnismauern unüberwindlich: sie sperren ihn in einer Arbeitswelt ein, in der er kaum positive Erlebnisse hat. Über die Beschimpfungen und gewaltsamen Übergriffe der Gefangenen spricht er mit seiner Frau schon lange nicht mehr.
“Mit der Verhaftung wurde alles anders. Emilias Erleichterung zu wissen, wo sich ihr Sohn aufhielt, war nur von kurzer Dauer. Und verschwand endgültig, als sie und Paolo über die Hauptanklagepunkte unterrichtet wurden: drei Morde, wie Hinrichtungen ausgeführt, dazu einige bewaffnete Raubüberfälle und unzählige kleinere Delikte. Im Nachhinein war Paolo völlig klar: Es war dieser Zeitpunkt, als Emilia zu sterben begann.”
Zusammengeführt werden die drei aufgrund des Maestrale, eines Sturms, der ein Übersetzen der Fähre durch die Meerenge unmöglich macht und durch den Unfall eines Gefängnistransports. Es ist also ein Zufall, der dafür sorgt, dass sie über Nacht auf der Insel zurückbleiben müssen. Durch diese Begegnung stellen Luisa und Paolo, die aus ganz unterschiedlichen Schichten und Hintergründen kommen, fest, dass sie doch mehr verbindet, als sie zunächst geglaubt haben.
“Es war das erste Mal, dass dieser schöne junge Mann mit den breiten Schultern, der sie kaum ein Jahr zuvor zum Tanzen ausgeführt hatte, plötzlich ein anderer wurde, sich verwandelte, in etwas Unheimliches, das mit den Jahren immer stärker werden sollte und immer häufiger, wie ein anmaßender Doppelgänger, sein schönes Lächeln vertrieb.”
Wenn fürchterliche und schwer zu erklärende Gewalttaten geschehen, richtet sich der Blick häufig auf die Opfer und die Täter dieser Verbrechen. Vergessen werden dabei die engsten Angehörigen der Täter, die nicht nur unter der Tat leiden, sondern diese häufig weder kommen sahen, noch verstehen können. Paolo ist zu erschöpft, um weiterhin seiner Arbeit als Lehrer, die er einmal so geliebt hat, nachzugehen. Seine geliebte Frau Emilia hat er verloren und sein Sohn sitzt im Gefängnis. Paolo kann ihn dort zwar besuchen, doch er kommt nicht mit ihm ins Gespräch. Die Beweggründe seines Sohnes bleiben für ihn ein Rätsel. Luisas Mann war schon immer gewalttätig, auch gegen sie. Trotzdem begibt sich immer wieder auf eine weite Reise, um ihn zu besuchen. Dies geschieht jedoch schon lange nicht mehr aus Liebe, sondern erfolgt vielmehr wie eine lästige Verpflichtung.
Francesca Melandri ist mit “Über Meereshöhe” ein wunderbar poetischer Roman gelungen, dem es trotz seiner reduzierten Sprache gelingt, eine stellenweise beklemmende atmosphärische Dichte zu vermitteln. Melandri erzählt die Geschichte von Luisa und Paolo, die beide die schmerzhafte Entdeckung machen mussten, dass die Menschen, die sie am meisten geliebt haben, nicht die gewesen sind, für die sie sie gehalten haben. ”Über Meereshöhe” ist ein ruhiges und unaufgeregtes Buch, das aber dank einer beeindruckenden Wort- und Sprachgewaltigkeit zu beeindrucken und zu überzeugen weiß.








